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Minimaler Gewebeverlust, maximale Präzision – Neue Perspektiven in der onkologischen Thoraxchirurgie


Jede Krebserkrankung der Brusthöhle stellt für Betroffene und ihre Familien eine große Belastung dar. Gleichzeitig stehen zuweisende Ärzte vor der Aufgabe, die bestmögliche Therapieentscheidung zu treffen. In den letzten Jahren hat sich die onkologische Thoraxchirurgie rasant weiterentwickelt: Von offenen Eingriffen bis hin zu hochspezialisierten minimal-invasiven Verfahren – das Ziel ist immer das gleiche: möglichst viel Tumorgewebe entfernen und gleichzeitig so viel gesundes Gewebe wie möglich erhalten. Ich habe im Rahmen des Berufungsverfahrens für die W2-Professur für Thoraxchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover im März 2026 in einem aktuellen Vortrag die neuesten Entwicklungen und Ergebnisse in der onkologischen Thoraxchirurgie vorgestellt.


Von der offenen Operation zur hochspezialisierten Minimalinvasivität

Früher waren große Schnitte am Brustkorb, die sogenannte Thorakotomie, der Standard bei Operationen im Brustraum. Heute dominieren zunehmend schonendere Verfahren: die Video-assistierte Thoraxchirurgie (VATS) und die Roboter-assistierte Thoraxchirurgie (RATS). Beide Methoden kommen mit deutlich kleineren Schnitten aus. Dadurch verringern sich nicht nur Schmerzen und Komplikationsrisiken, sondern auch die Erholungszeit der Patienten erheblich. Insbesondere die Robotertechnik ermöglicht eine bisher unerreichte Präzision – ideal, um auch komplexe anatomische Strukturen schonend zu behandeln.




Neben dem Operationszugang hat sich auch die Art der Gewebeentfernung gewandelt. Stand früher meist die Entfernung eines ganzen Lungenlappens (Lobektomie) im Vordergrund, setzen wir heute zunehmend auf Segmentresektionen. Dabei wird nur der von Krebs betroffene Teil eines Lungenlappens also Lungensegmente entfernt. Dies gelingt nicht nur bei Standard-Segmentresektion, sondern auch zunehmend bei komplexen Segmentresektion, also technisch sehr anspruchsvolle Resektion von ein oder zwei Segmenten. Studien belegen: Bei frühen Tumorstadien sind die onkologischen Ergebnisse vergleichbar mit der Lobektomie – bei deutlich besserer Erhaltung der Lungenfunktion. Das ist vor allem für Patienten mit bereits eingeschränkter Atemfunktion von großem Vorteil.




Neoadjuvante Immunchemotherapie – Ein Meilenstein in der Behandlung

Eine weitere bahnbrechende Entwicklung ist die Kombination aus Chemotherapie und Immuntherapie vor der Operation, die sogenannte neoadjuvante Immunchemotherapie. Große Studien wie CheckMate 816 und KEYNOTE 671 haben gezeigt: Durch diese Vorbehandlung schrumpfen Tumore nicht nur häufiger, bei vielen Patienten kommt es sogar zu einem vollständigen Rückgang nachweisbaren Tumorgewebes im Operationspräparat – dem sogenannten pathologischen kompletten Ansprechen (pCR).


Die Ergebnisse bei uns am Städtischen Klinikum Braunschweig bestätigen dies eindrucksvoll: Von 24 zwischen Februar 2023 und Januar 2025 behandelten Patienten konnten 22 in die Auswertung aufgenommen werden. Bei 54,5 % zeigte sich ein wesentliches pathologisches Ansprechen (MPR), bei 40,9 % sogar ein komplettes Ansprechen. Alle Patienten erhielten eine vollständige Tumorentfernung (R0-Resektion).



Besonders interessant ist, dass das Ausmaß des Ansprechens unter anderem von der PD-L1-Expression des Tumors abhängt. Bei Werten von über 50 % erreichten sogar 66,7 % der Patienten ein komplettes Ansprechen – ein Wert, der über den Ergebnissen der ursprünglichen Studien liegt. Dennoch gibt es bislang keine zuverlässigen Marker, mit denen sich das Therapieergebnis sicher vorhersagen lässt. Hier hoffen Experten auf zukünftige Fortschritte, etwa durch die Analyse von zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) oder modernen bildgebenden Verfahren wie der PET/CT. Eines steht aber bereits fest: Auch bei sehr gutem Ansprechen bleibt die anschließende Operation unverzichtbar, um alle Krebszellen sicher zu entfernen.




Künstliche Intelligenz für eine individuellere Risikobewertung

Neben neuen Operationsverfahren und Therapiekonzepten spielt auch die Datenanalyse eine immer größere Rolle. Früher stützte sich die Risikobewertung vor einer Lungenoperation vor allem auf einzelne Parameter wie die gemessene Lungenfunktion. Heute lassen sich mit Methoden des maschinellen Lernens, wie dem sogenannten Random-Forest-Verfahren, hunderte klinische Merkmale gleichzeitig auswerten. Die maschinelle Analyse ermöglicht es, Risiken für jeden einzelnen Patienten genauer abzuschätzen und die Behandlung noch individueller zu gestalten – ein weiterer Schritt hin zur personalisierten Medizin.




Fazit: Mehr Möglichkeiten, mehr Präzision, mehr Lebensqualität

Die onkologische Thoraxchirurgie hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht: Von schonenderen Operationsverfahren über wirksame Kombinationstherapien bis hin zu modernster Datenanalyse. Für Patienten bedeutet das: bessere Heilungschancen, weniger Belastung durch die Behandlung und eine höhere Lebensqualität nach der Operation. Und auch wenn noch nicht alle Fragen geklärt sind – die Richtung ist klar: minimaler Gewebeverlust bei maximaler Präzision.


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